Speisegebote/Fasten
Worum geht es?
Speisegebote gibt es in vielen Kulturen und Religionen. Sie sind Teil ihres jeweiligen Gesamtbildes und wirken identitätsstiftend.
Sie reichen von Geboten (was zu essen ist) bis zu Verboten (was nicht gegessen werden darf).
Fasten ist als Kulturtechnik ein universal belegtes Phänomen und tritt in vielerlei Varianten auf, darunter etwa individuell oder in Gruppen, vollständiger oder teilweiser Verzicht auf Nahrung oder bestimmte Nahrungsmittel, zeitlich begrenzt oder dauerhaft. Das Verständnis von Fasten variiert von Religion zu Religion und Konfession.
Zu religiösen Begründungen gehören körperliche, geistige und seelische Reinigung, Umkehr, Buße und Reue oder auch das Streben nach Verinnerlichung, Erkenntnis oder Ekstase.Näher betrachtet
Religiöse Speisegebote sind in ihrer bisherigen Form durch säkulare Entwicklungen bzw. selbstgewählte Ernährungsformen zunehmend in Veränderung begriffen. Anders gesagt: Was nicht begehrt wird, kann nicht als Verzicht erfahren werden.
Im Sinne einer inneren, spirituellen Reinigung erfuhr Fasten in den letzten Jahrzehnten in unseren Breitengraden eine markante Säkularisierung, die gleichzeitig durch die Begegnung mit vitaler Religiosität – namentlich durch den Islam, aber auch die christliche Orthodoxie – in der öffentlichen Wahrnehmung zugenommen hat.
Während also die Bereitschaft, bestimmte Lebensmittel zu konsumieren oder andere eben genau nicht, gestiegen ist, wird eine religiöse Begründung mit ähnlichen Konsequenzen eher argwöhnisch wahrgenommen.Was beschäftigt mich?
Fasten ist in der Überflussgesellschaft durch die Funktionalisierung im Sinne einer Gewichtsreduktion religiös entkernt.
Die enorme Hochschätzung von Fasten wird instrumentalisiert und führt in Kombination mit gesellschaftlichen Leitbildern/Idealbildern zu einer markanten Zunahme von Essstörungen, besonders bei Mädchen und jungen Frauen, in jüngerer Zeit auch zunehmend bei Burschen und jungen Männern.
Wie kann mit fastenden Schülerinnen und Schülern im Schulalltag (Prüfungen, Sport, mehrtägige Schulveranstaltungen u.ä.) umgegangen werden?- Produktiv betrachtet
Versuche, kulturelle Identität über traditionelle Speisegewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft gleichsam verpflichtend zu machen, sind – nicht zuletzt mit Blick auf die Zunahme von alternativen Ernährungsmodellen – als unhaltbar zurückzuweisen. Das gilt in beide Richtungen.
Laut österreichischer Rechtslage bestimmen die Erziehungsberechtigten bis zum 10. Geburtstag über religiöse Belange ihrer Kinder, bis 14 sind Kinder anzuhören, mit 14 Jahren sind sie religionsmündig.
Für das Fasten bei Kindern und Jugendlichen unter 14 Jahren bedeutet das, dass die Verantwortung bei den Erziehungsberechtigten liegt und entsprechende Aufklärungsarbeit bei allen Involvierten („Schulgemeinschaft“) geleistet werden muss, wobei der Fokus stets auf dem Kindeswohl liegt.
Wenn Schülerinnen und Schüler fasten bzw. bestimmte Speisebedürfnisse haben, hat die Kommunikation mit der Schulpartnerschaft und den jeweiligen Religionsgemeinschaften eine wichtige Brückenfunktion.
Fasten kann im Zusammenhang von Anorexia nervosa in einer als überkomplex und unkontrollierbar erfahrenen Lebenswelt als Ausdruck körperlicher Selbstbestimmung verstanden werden. Anorexia nervosa ist vielfach kein „Fasten-Thema“, sondern ein grundlegenderes Thema, das sich über das Medium „essen bzw. nicht-essen“ Ausdruck verschafft.
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בס"ד
„Sie wollten uns umbringen, wir haben überlebt lasst uns essen!“ Essen und Fasten aus jüdischer Perspektive
Ein bekanntes jüdisches Bonmot lautet: Was ist ein jüdischer Feiertag: „Sie wollten uns umbringen, wir haben überlebt – lasst uns essen!“ Tatsächlich sind alle Feiertage im Judentum, mit zahlreichen Ritualen um und mit dem Essen verbunden. Ja der Feiertag an sich wird meist zu Hause am Familientisch, mit Freunden und Gästen begangen.
In der jüdischen Tradition haben Essen und Fasten eine tiefe religiöse und spirituelle Bedeutung. Sie dienen sowohl der physischen als auch der geistigen Erhebung und bieten die Möglichkeit, sich mit G!tt zu verbinden, die eigene Seele zu verfeinern und im Rhythmus des jüdischen Kalenders zu leben. Hierbei wird die Nahrungsaufnahme, oder die Enthaltung nicht nur auf die physiologisch körperlichen Bedürfnisse, sondern gerade auch für die spirituellen, transzendenten Prozesse projeziert.
Essen in der jüdischen Tradition
Essen wird in der jüdischen Tradition als Akt des Heiligen verstanden, der die physischen Bedürfnisse und spirituellen Werte verbindet. Die Einhaltung der Kaschrut, (koscheren Speisegesetze) ist dabei zentral. Diese Regeln, die sich in der Tora und dem Talmud finden, sind nicht nur praktische Vorschriften, sondern fördern auch die Achtsamkeit und das Bewusstsein für den Konsum. Sie lehren Disziplin und Respekt vor dem, was man zu sich nimmt. So heißt es in der Tora: „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (leviticus 19:2). Essen ist eines der Wege der Heiligung, in der Emulation G!ttes, der Imitation D !i- Die Mitzwot, die Gebote sind ein Weg dazu! Feiertage wie Schabbat und die großen Feste (Pessach, Schawuot, Sukkot, Rosch Hashana, aber auch Pruim Channuka und Jom hAatzmaut) werden durch besondere Mahlzeiten und symbolische Speisen, sowie rituelen Handlungen mit diesen Speisen, begangen. Diese Feierlichkeiten stärken den Gemeinschaftsgeist und dienen als Momente der spirituellen Freude und Reflexion.
Fasten in der jüdischen Tradition
Das Fasten hat im Judentum eine lange Tradition und wird als Akt der Reue, der Selbstprüfung, der Umkehr oder besser gesagt Rückkehr und der Annäherung an G!tt verstanden. Die beiden bekanntesten Fastentage sind „Jom Kippur“ (Versöhnungstag) und „Tischa beAw“ (Tag der Zerstörung der Tempel). Jom Kippur, das „schwerste“ Fasten, wird als Tag der Buße und Reinigung verstanden, an dem man auf Essen und Trinken, aber auch auf andere körperliche Freuden verzichtet, um sich völlig auf die spirituelle Verbindung mit G!tt zu konzentrieren (Leviticus16:29-31).
Fasttage wie der 17. Tammus und der 10. Tevet oder der Fasttag Esters, erinnern an historische Katastrophen und sollen das Volk Israel, wie auch bei den anderen zur Selbstprüfung und zur Reflexion über die eigenen Taten anregen. Im Talmud wird betont, dass Fasten ohne echte Reue und innere Veränderung bedeutungslos ist (siehe Talmud, Traktat Ta’anit 2a).
Essen und Fasten als Balance zwischen Körper und Seele
Während das Essen im Judentum als heiliger Akt gesehen wird, der das Leben fördert, wird das Fasten als Mittel der Läuterung angesehen. Die jüdische Tradition strebt eine Balance zwischen physischen und spirituellen Bedürfnissen an, was in der Philosophie von Maimonides/Ramba”ms zum Ausdruck kommt: Körper und Seele sollen in Harmonie sein, um dem spirituellen Wachstum zu dienen (Ramba”m/Maimonides, „Führer der Unschlüssigen“ III, Kapitel 48).
(AB)
„Nahrung“ im Buddhismus
In den buddhistischen Ländern finden wir vielfältige kulturelle Traditionen des Essens vor. Es gibt keine speziellen Vorschriften, jedoch wird eine vegetarische oder vegane Ernährung empfohlen, denn Nahrung (Pali: Āharā )soll nicht durch Gewalt, Raub oder Ausbeutung erlangt werden.
Vier Ebenen der Ernährung
Für Menschen und auch für alle anderen Lebewesen ist Nahrung zum Überleben elementar. Diese allgemeine Aussage greift jedoch für eine buddhistische Sichtweise zu kurz. Vielmehr wird eine ganzheitliche Perspektive auf mehrere Ebenen wie folgt gelenkt:
- Feste Nahrung zum Erhalt des Körperlichen (der Gesundheit)
- Die Nahrungsaufnahme begleiten sinnliche und geistige Eindrücke (emotionale Ebene; vgl. „mit den Augen essen“) sowie
- geistige Willensäußerungen – bestärken das Anhaften
- Die Ebene des Bewusstseins bezieht sich auf die Ernährung von Geistigem und Körperlichem im Augenblick der Wiedergeburt.
Ein erfahrungsbasierter Zugang zu Nahrung (z.B. schmeckt „gut“) übt im Kontext der traditionellen chinesischen, tibetischen oder indischen Medizin mehr Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten aus als die traditionelle europäische Medizin.
Die sinnlichen und geistigen Erfahrungen, die mit der Ernährung einhergehen, lassen Bewertungen wie angenehm, unangenehm oder neutral entstehen. Diese Bewertungen werden gespeichert und beeinflussen unser willentliches Handeln (karma).
Buddha selbst genoss zunächst seine Kindheit und Jugend im Überfluss, bevor er auf der Suche nach Leidbefreiung in der Hauslosigkeit strengste Askese, welche auch Nahrungsverzicht inkludierte, durchlebte. Schlussendlich stellte er fest, dass die Extreme keinen Erkenntnisgewinn bringen und beendete diese Form der Praxis. Buddha und sein Orden wurden durch Almosenspenden der Laien unterstützt, wobei der Fleischverzehr unter bestimmten Regelungen möglich war. Für die Ordinierten gilt, dass sie bis zum Höchststand der Sonnen Nahrung zu sich nehmen dürfen, ab dann fasten sie.
Die Ablehnung von Gewalt und das Vermeiden von negativen Handlungen bei der Beschaffung von Nahrung führte zur Reform der vedischen Tieropfer, anstelle derer ein „Opferkuchen“ aus Getreide trat.
Unsere Sinnesbegierde hält uns im Samsāra, im Kreis der Wiedergeburten fest. Das Bewusstsein wird beim Wunsch (karmische Bedingungen) nach einer weiteren wiedergeburtlichen Daseinsform genährt („geistige Nahrung“), was den Wiedergeburtenkreislauf anstößt. Dieser wird im buddhistischen Kontext als leidvoll, als nicht erstrebenswert angesehen und gilt deshalb überwunden zu werden.
(KE)
Speisegebote und Fastenvorschriften im Christentum
Das frühe Christentum ist grundsätzlich geleitet von dem Satz Jesu: „Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Mt 15,11). Gleichzeitig waren noch bestimmte Verbote (wie zB der Genuss von Blutwurst) weitgehend unstrittig. Das wandelte sich im Verlauf der Jahrhunderte. Gleichwohl wurde Fasten sowohl in der lateinischen als auch in der byzantinischen Kirche hochgehalten (vgl. Mt 6,16-18).
Fasten in der Römisch-Katholischen Kirche:
Fasten wird verstanden als eine Ausdrucksform der tätigen, inneren Buße/Umkehr (KKK[i] 1430, 1434) und soll jeden Freitag (zur Erinnerung an den Tod Jesu) sowie während der vierzigtägigen vorösterlichen Fastenzeit praktiziert werden (KKK 1438). Zudem gilt es, eine zumindest einstündige Enthaltung von Speisen und Getränken (außer Wasser) vor jeder Eucharistie einzuhalten (CIC[ii] 919). Es geht dabei um die innere Haltung und deren Reflexion (nicht um das „Gesehenwerden“!). Das II. Vatikanische Konzil (1962-65) brachte eine deutliche Lockerung der Fastengebote mit sich (Sacrosanctum Concilium 109f), unterscheidet aber weiterhin zwischen Begrenzung der Nahrungsaufnahme (für alle volljährigen Gläubigen) und der Enthaltung von Fleischspeisen (abstinentia), die für alle Gläubigen ab 14 Jahren gilt.
Fasten in der Orthodoxie:
In der orthodoxen Kirche hat das Fasten einen hohen Stellenwert. Leitfaden ist insbesondere der Apostolische Kanon (eine Sammlung von Gesetzen und Dekreten der frühen Christenheit) und Kirchenväterregeln. Auch hier geht es um die innere Einstellung und die Haltung, die das Fasten ausmachen, und es ist das Gefühl der (inneren) Reinigung. Es gibt vier große Fastenzeiten – sechs Wochen vor Weihnachten, sieben Wochen vor Ostern, vor Pfingsten und rund um Maria Himmelfahrt im August sowie einige weitere einzelne Fasttage. Zusätzlich gelten der Mittwoch (zum Gedenken an den Verrat an Jesus) und der Freitag (Kreuzestod) als Fasttage. Dabei gibt es unterschiedliche Fastenstufen, die von reduzierter Kost über Verzicht auf Fleisch und Alkohol bis zu dem, was heute als vegan bezeichnet wird, reichen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass das Gebet letztlich wichtiger ist als der Nahrungsverzicht. Darum wird zur Erstellung der Fastenregeln die Rücksprache mit einem Priester/Beichtvater empfohlen.
Fasten im Protestantismus:
Fasten spielt in der reformatorischen Sicht eine untergeordnete Rolle, weil das zentrale theologische Kriterium der Rechtfertigung allein aus dem Glauben, die verbindliche und damit als Bedingung verstandene Fastenpraxis ablehnte. Darum wird nicht das Fasten generell verworfen, „sondern daß man ein nötigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen zu Verwirrung der Gewissen gemacht hat“ (CA[iii] 26). Genau das war einer der zentralen Kritikpunkte Martin Luthers, der sich aus der theologischen Erkenntnis speiste, dass man als Mensch gar nichts tun kann, um von Gott geliebt („gerechtfertigt“) zu werden. Gottes Liebe geht menschlichem Tun immer schon voraus. In der Schweizer Reformation nimmt das „Wurstessen“ in Zürich 1522 (am 1. Sonntag in der Fastenzeit) einen ähnlichen Stellenwert ein wie Luthers Thesenanschlag 1517. In den letzten vier Jahrzehnten hat sich – in Anbetracht des Konsumüberflusses – der Wahlspruch „sieben Wochen ohne“ etabliert: Während dieser Zeit (evangelisch: Passionszeit) soll auf Dinge verzichtet werden, die auf individueller Ebene eine besondere Rolle spielen – in „evangelischer Freiheit“ zB Autofasten, keine Schokolade, kein Alkohol, kein Fleisch, keine bösen Worte gegen/über Andere oder 2025 „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“.
Gemeinsam ist – trotz der unterschiedlichen Akzentuierung und Praxis – der Anspruch, dass es nicht um Hungern (buchstäblich oder metaphorisch) geht, sondern um den bewussten Verzicht und das Durchbrechen und Reflektieren des Gewohnten und als selbstverständlich Erachteten. Die damit verbundene innere (spirituelle) Haltung und die Umkehr (gr.: Metanoia) gelten als das Entscheidende.
(ND, IAD, MF, US)
[i] Katechismus der Katholischen Kirche (1992)
[ii] Corpus Iuris Canonici (1983/2021)
[iii] Confessio Augustana/Augsburger Bekenntnis (1530)
Ursprung des Fastens und sein Stellenwert im Islam
Das Fasten (Ṣiyam) im Islam wurde im Jahr 624 n. Chr. durch eine Offenbarung im Qur’an während des Monats Ramadan zur Pflicht für alle gläubigen Muslime. Es zählt zu den fünf Säulen[i] des Islam.
Ziele des Fastens
1. Spirituelle Nähe zu Gott: Fasten fördert die Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Es hilft, die innere Reinheit zu erlangen, indem weltliche Begierden überwunden werden.
2. Selbstdisziplin: Fasten lehrt die Kontrolle über die eigenen Triebe und Versuchungen. Es stärkt den Charakter und hilft, geduldiger und achtsamer zu werden.
3. Mitgefühl und Solidarität: Durch den eigenen Verzicht auf Essen und Trinken erleben Fastende die Realität von Hunger und Not, was die Empathie für Bedürftige steigert und den Geist der Nächstenliebe fördert.
4. Dankbarkeit: Der Verzicht auf alltägliche Bedürfnisse macht die Segnungen des Lebens bewusster und fördert die Dankbarkeit gegenüber Gott für das tägliche Brot.
Fastenzyklus im Ramadan
- Suhur (Vor-Fasten-Mahlzeit): Diese Mahlzeit wird vor der Morgendämmerung eingenommen und bereitet den Körper auf den Fastentag vor. Sie sollte nahrhaft sein, um Energie für den Tag zu liefern.
- Iftar (Fastenbrechen): Das Fasten wird bei Sonnenuntergang traditionell mit Datteln und Wasser gebrochen, gefolgt von einer vollständigen Mahlzeit.
- Taraweeh-Gebete: Am Abend nach dem Iftar werden in den Moscheen zusätzliche Gebete (Taraweeh) verrichtet, um die spirituelle Verbindung zu vertiefen.
Weisheiten des Fastens
- Reinigung von Körper und Seele: Fasten ist eine Zeit der inneren Reflexion, die von schlechten Gewohnheiten, negativen Gedanken und sündhaften Taten befreit.
- Stärkung des Glaubens: Der bewusste Verzicht auf weltliche Bedürfnisse zeigt, dass Glaube über materiellen Dingen steht. Es erinnert daran, dass Gott allein der Versorger ist.
- Bescheidenheit und Demut: Fasten führt zu einem einfachen Lebensstil und hilft, den Wert kleiner Dinge zu erkennen. Dies fördert eine Haltung der Bescheidenheit, Nachhaltigkeit und Dankbarkeit.
Das Fasten als Spirituelle Reise
Das Fasten ist nicht nur ein körperlicher Verzicht, sondern eine spirituelle Reise, die auf tiefer Ebene Transformationen bewirkt. Es bietet eine Gelegenheit zur Selbstreflexion und zur Selbstreinigung. Fastende entwickeln ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Seele, erkennen ihre Abhängigkeit von Gott und die Vergänglichkeit des Lebens. Das Fasten hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – die Beziehung zu Gott, die eigene Moral und die Verantwortung gegenüber anderen.
Während dieser Reise erlangen Muslime eine tiefere Einsicht in ihre Lebensaufgabe und werden ermutigt, ihre Taten und Gedanken zu verbessern. Fasten führt zu einem Zustand der Ruhe und Erleuchtung, der über den Ramadan hinaus das tägliche Leben prägen soll.
(FA, MBK)
[i] Die anderen sind: Schahāda (islamisches Glaubensbekenntnis), Salāt (Pflichtgebet), Zakāt (Almosengabe) und Haddsch (Pilgerfahrt nach Mekka)
Verbotene und erlaubte Nahrungsmittel
Die Speisevorschriften und die allgemeine Ernährungsweise der Alevit:innen sind ein komplexes Thema, das tief in der spirituellen und kulturellen Tradition verwurzelt ist. Wie im Islam allgemein, spielt auch bei den Alevit:innen die Vorstellung von erlaubten und verbotenen Speisen eine Rolle, wobei diese Kategorien oft flexibler interpretiert werden als in strengeren islamischen Traditionen. Zum Beispiel ist das Verbot des Alkoholkonsums im sunnitischen und schiitischen Islam weit verbreitet und strikt. Bei den Alevit:innen wird Alkohol jedoch nicht unbedingt als verboten betrachtet. Es geht um den richtigen Umgang damit. Verboten ist es, durch den Alkoholkonsum die Kontrolle über den Körper und den Geist zu verlieren und sich selbst und/oder anderen zu schaden. Nicht der Alkohol selbst, sondern seine negativen Auswirkungen bei übermäßigem Konsum sind verboten.
Andererseits gibt es eine starke Tradition des Verzichts auf den Verzehr von Schweinefleisch, ähnlich wie im übrigen Islam. Schweinefleisch wird als unrein betrachtet. Alevit:innen legen großen Wert auf Reinheit, sowohl in körperlicher als auch in spiritueller Hinsicht, weshalb der Verzehr von als unrein angesehenen Lebensmitteln vermieden wird. Erlaubte Lebensmittel gelten nur dann als rein, wenn sie mit auf ehrliche Art und Weise verdientem Geld gekauft wurden.
Ein weiteres besonderes Merkmal der alevitischen Speisetraditionen ist der große Respekt vor allen Lebewesen und der Natur. Es gibt eine tief verwurzelte Ehrfurcht vor Tieren, und der Verzehr von Fleisch wird oft mit einem Bewusstsein für die spirituelle Bedeutung des Opfers verbunden. Traditionell wird vor dem Schlachten eines Tieres ein Gebet gesprochen, um die Seele des Tieres zu ehren und Dankbarkeit für das Opfer auszudrücken.
Vegetarismus und Fasten
Es gibt eine tief verwurzelte Tradition des Verzichts auf Fleisch, insbesondere während bestimmter spiritueller Zeiten wie dem Muharrem-Fasten. Das Muharrem-Fasten findet in der ersten Hälfte des islamischen Monats Muharrem statt und ist eine Zeit der Trauer und des Gedenkens an das Martyrium von Imam Hüseyin, dem Enkel des Propheten Muhammad, der in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 getötet wurde.
Während des Muharrem-Fastens verzichten Alevit:innen auf Fleisch, und sogar auf Wasser, als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls für die Leiden von Imam Hüseyin und seiner Anhänger. Der Verzicht auf Fleisch während dieser Zeit ist nicht nur ein Symbol der Trauer, sondern auch ein Ausdruck der Reinigung und der Selbstdisziplin.
Der Cem-Gottesdienst und Lokma
Eine zentrale Rolle im religiösen und sozialen Leben der Alevit:innen spielt der Cem-Gottesdienst, ein spirituelles Ritual, das Gebete, Musik, Drehbewegungen und gemeinsames Essen umfasst. Der Cem ist nicht nur ein religiöser Akt, sondern auch eine Gelegenheit, die Gemeinschaft zu stärken und spirituelle Einheit zu erfahren. Während des Cem-Rituals wird oft ein gemeinsames Mahl eingenommen, das Lokma. Dieses Mahl hat eine große symbolische Bedeutung, da sie das Prinzip der Gleichheit, des Teilens und der Solidarität innerhalb der Gemeinschaft unterstreicht.
(EK, NK)
„In der westlichen Gesellschaft hat der cartesische Dualismus einen wertenden Charakter angenommen, bei dem der kühle, gelassene, rationale Geist dem porösen, undichten, bedürftigen Körper überlegen ist.“[i] Dies fügt sich nahtlos in jene normativen Zuordnungen, die bereits in der hellenistischen Antike begegnen, welche die perfekte (vollkommene) Ausformung des als eingeschlechtlich vorgestellten Körpers dem Mann und die imperfekte (unvollkommene) Ausformung der Frau[ii] zuordnen. Darin wurzelt die Fixierung „des Mannes“[iii] auf die geistige Sphäre und jene „der Frau“ auf die körperliche. Und so kann Friedrich Torbergs Tante Jolesch (1975) trocken resümieren, „was ein Mann schöner is wie ein Aff', is ein Luxus“, während – stellvertretend für zahllose Andere – Lana Del Rey (2013) die bange Frage stellt: Will you still love me when I'm no longer young and beautiful?
Die „Disziplinierung des Körpers“ ist ein Phänomen, das Burschen und Männer und Mädchen/Frauen in unterschiedlicher Weise betrifft. Körper werden trainiert, geformt und geprägt von den vorherrschenden historischen Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit[iv]. Firm, kräftig-muskulös und möglichst schmerzunempfindlich auf der einen Seite; attraktiv, wohlgeformt auf der anderen, wobei das Äußere die überragende Kategorie ist. Seit den ambivalenten Segnungen der photogeshoppten Hochglanzbilder[v] und photogeappten Handycams hat sich Judith Butlers Diktum, dass „das ‚Reale‘ und das ‚Faktische‘ phantasmatische Konstruktionen sind, denen sich der Körper annähern muß, ohne sie jemals zu erreichen“[vi], im Alltag von Menschen buchstäblich potenziert.
Dies hat massive Auswirkungen auf die körperliche Selbstwahrnehmung, was dazu führt, dass eine große Zahl von insbesondere Mädchen und jungen Frauen ihren Körper nicht mehr als „Zuhause“[vii]erleben. Das stellt im Zusammenhang[viii] mit der religiös entkernten und gleichzeitig gesellschaftlich hochgehaltenen Wertschätzung einer Fastenpraxis ein erhebliches Problem dar. Denn „Essstörungen [gründen] in kulturellen Normierungen und Disziplinierungen“[ix] und können als ein „komplexes Bild einer physisch-psychischen und sozialen Beziehungsstörung, die auf der leiblichen Ebene“[x] stattfindet, verstanden werden. Anorexia Nervosa ist eine paradoxe Störung, weshalb man pointiert sagen könnte, es handle sich nicht um eine Essstörung, sondern um eine Störung, die sich über das Medium Essen Ausdruck verschafft. Obwohl die individuellen Gründe vielfältig sind, so scheint doch das Bestreben, den Körper als Zuhause erfahrbar machen zu wollen, eine wichtige Triebfeder für Anorexia Nervosa zu sein. Denn es geht dabei um das Bestreben, mittels unterschiedlicher hochproblematischer Praxen, die gleichsam als Verteidigung gegenüber einer als feindlich empfundenen Außen- und Innenwelt dienen sollen, Selbstbestimmung und Autonomie wiederzuerlangen.[xi] Darum ist es in der Behandlung von Anorexia Nervosa besonders erforderlich, neue, gesunde und nicht mehr selbstzerstörerische Wege zu etablieren, den Körper wieder als Zuhause erfahrbar zu machen. Doch der pluralistische Charakter der Anorexie erfordert auch einen pluralistischen Behandlungsansatz. Das gilt gleichermaßen für erkrankte Burschen und Männer.
(MF)
[i] Fischer Cathrin (2021): Making the body home again. A phenomenological exploration of anorexia nervosa (unveröffentlichte Master-Thesis, University College Dublin), 31 (Übers. MF).
[ii]Galenos v. Pergamon, Περὶ χρείας μορίων (On the Usefulness of the Parts of the Body), transl. from the Greek with an Intr. and Comm. by M.T. May, Ithaca 1968, XIV, 6 (= body, II, 630)
[iii] Die Anführungszeichen verweisen darauf, dass die Rede von „dem Mann/der Frau“ eine de facto unzulässige Homogenisierung darstellt, die jedoch vor dem Hintergrund eines ontologisch begründeten Eigenschaftsdenkens das Ihre zur Stabilisierung der dichotomen geschlechtlichen Zuordnung („die Männer“ sind so; „die Frauen“ sind so) beigetragen hat.
[iv] Vgl. Bordo Susan (1993): Unbearable Weight: Feminism, Western Culture, and the Body, Berkeley et al.
[v] Vgl. kritisch dazu die „Dove Campaign for Real Beauty“, die 2004 ins Leben gerufen wurde [https://www.dove.com/uk/stories/campaigns.html].
[vi]Butler Judith (2003): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M., 214 (Gender Trouble 1990).
[vii] So Fischer (s. Anm. i) programmatisch im Titel ihrer Arbeit.
[viii] Dieser Zusammenhang wird durchaus auch in Zweifel gezogen, etwa mit Verweis auf Länder, wo religiös begründetes Fasten üblich ist (vgl. Nasser Mervat [1994]: Culture and Eating Disorders"´, in: Psychiatric Clinics of North America, 17[2], 321–334). Doch geht es meines Erachtens genau um die Frage der religiösen Entkernung bei der Nahrungsreduktion, die hier entscheidend ist.
[ix]Maier Tanja (2020): Körper und Performativität, in: dies./Wischermann Ulla (Hg.): Feministische Theorie und Kritische Medienkulturanalyse. Ausgangspunkte und Perspektiven, Bielefeld, 355.
[x]Dalhoff Anke (2022): „KörperErleben“ – Ich – Du – Wir und Anorexia nervosa im Jugendalter in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. Ergebnisse aus Psychotherapie, Beratung und Psychiatrie 71/430 – 448, 431.
[xi] Vgl. Fischer (s. Anm. i), 2.