Haare/Kopfbedeckungen
Worum geht es?
Kopfbedeckungen dienen zum einen als Schutz gegen Witterung und vor Verletzungen; zum anderen im Zusammenhang mit „Haaren“, um diese vor Blicken zu schützen – und manchmal auch schlicht, um sie zu bändigen ;-)
Kopfbedeckungen können den Status einer Person oder eine bestimmte Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen.
Üppig wachsendes Haupthaar wird mit Kraft, Vitalität, Schönheit und Weiblichkeit bzw. Männlichkeit verbunden.
Die Kontrolle über Haare (gleich ob Haupt-, Gesicht- oder Schamhaare) gilt als ein Zeichen von Macht.
Haare haben kulturelle, religiöse, modische oder magische Bedeutung und werden darum gegebenenfalls bedeckt.
Haare - näher betrachtet
Trotz der kulturellen Entwicklungen der vergangenen sechs Jahrzehnte werden vielerorts nach wie vor (weibliche) Sinnlichkeit mit langem Haar und Virilität mit dichtem Haarwuchs assoziiert.
Haupthaarlose Frauen werden in der Regel anders wahrgenommen als Männer.
Kopfbedeckungen – näher betrachtet
Hand in Hand mit der 2. Welle der Frauenbewegung (ab den 1960er Jahren) und dem Ende der Kopfbedeckungspflicht für Frauen in der römisch-katholischen Messe im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65), ist in Österreich das Tragen eines Kopftuchs erheblich zurückgegangen.
Durch Migrations- und Fluchtbewegungen der letzten Jahrzehnte ist das Tragen des Kopftuchs (in allen Variationen des Hidschab [= bedecken]) aus kulturell-religiösen Gründen oder auch als modisches Accessoire gleichsam zurück in der Öffentlichkeit.
Was beschäftigt mich?
Dies sorgt für ambivalente, ja polarisierende Wahrnehmungen: Vor dem historisch bedingten Hintergrund des emanzipatorischen Gehalts überwiegt bei den Einen das Unterordnende und Unterdrückende des Kopftuchs; bei den Anderen überwiegt die Betonung des freiwilligen und selbstbestimmten Tragens des Kopftuchs.
Es ist herausfordernd, das Eine wie das Andere in der jeweiligen Legitimität anzuerkennen, und gleichzeitig nicht einer naiven Sicht zu verfallen. Zudem liegen diesen Sichtweisen bestimmte religiöse und kulturelle Ausprägungen zugrunde.
Produktiv betrachtet
Differenzierung ist darum ebenso dringlich wie komplex und bedarf aufrichtiger, wechselseitiger Auseinandersetzung in innerreligiöser und öffentlicher Hinsicht.
Darum braucht es zweierlei:
(a) Der Ausgangspunkt ist, dass selbstbestimmte Kleidung von Frauen außer Streit stehen muss.
(b) Es braucht eine klare Auseinandersetzung mit dem teils massiv religiös und/oder kulturell aufgeladenen Männlichkeitsbild, aufgrund dessen manche Männer meinen, Frauen das Tragen bestimmter Kleidungsstücke vorschreiben zu dürfen oder (vermeintlich) müssen; und dies gar zum Schutz vor Übergriffen durch Männer! Das leistet einer Täter-Opfer-Umkehr Vorschub (pointiert gesagt: „wenn Du Dich nicht bedeckst, bist Du schuld, wenn ich Dir sexuelle Gewalt antue“), die in aller Deutlichkeit zurückzuweisen ist.
Darum braucht es eine innerreligiöse theologische Kritik dieser Traditionen, sowie gemeinsame interreligiöse Begegnung und Verständigung darüber, dass ein solches Männerbild für Frauen und Männer lebensfeindlich ist.
Für detailliertere Informationen klicken Sie auf die jeweilige Tradition oder Perspektive:
Jüdisches halachisches, also durch Religionsgesetz vorgeschriebenes alltägliches Handeln, kennt bezüglich der Haare bei Männer und Frauen viele geschlechtsspezifische Vorgaben und Traditionen.
Will sich ein Mann rasieren, dann darf er das nicht mit einem Messer tun, sondern nur mit einem Rasierapparat. Die Schläfenlocke, die Pejot, muss hingegen immer dran bleiben. Frauen stylen ihre Haare gerne mit Tüchern und Perücken.
Für Männer gilt als Ausgangspunkt die Vorschrift im Kapitel 19, Vers 27 im 3. Buch Mose. Da findet sich das Verbot, sich die Haare unterhalb der Schläfe auf der Höhe der Ohrmitte abzuschneiden.
Was nicht dazu führt, dass jeder strenggläubige Jude die Schläfenlocken sein Leben lang unangetastet lässt. Der eine kürzt sie bis auf ein Minimum. Andere lassen die Pejot oder im jiddischen Idiom auch Pajes genannt gerade herunterhängen. Einige orientalische Juden wie Jemeniten und Marrokaner, aber auch diejenigen die sich der osteuropäischen, chassidischen Tradition verschrieben haben, drehen sich hingegen das Seitenhaar zu einer langen Locke. Und nicht wenige stecken die Haarsträhne hinter das Ohr, sodass sie kaum noch auszumachen ist.
Die Schläfenlocke ist also ein Muss. Der Bart hingegen ein Soll. Das Verbot, den Bart mit einem profanen Rasiermesser oder einem Nassrasierer zu entfernen, gilt für alle Männer. Ausweg hierfür sind elektrische Rasierapparate oder – wie früher – Enthaarungscreme.
Auch Frauen haben für ihr Haar ganz bestimmte Vorschriften. Der Blog des jüdischen Museums in Berlin beschreibt dies wie folgt: „Die erste Begegnung zwischen Rebekka und Isaak liefert den biblischen Ursprung: „Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.“ (1. Buch Mose 24, 64f) Als Brauch setzte sich das Bedecken der Haare im 15. Jahrhundert durch und wird seither vom orthodoxen Judentum befolgt.
In den strenggläubigen chassidischen Gemeinden, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstanden, war es sogar üblich, dass Frauen sich zur Hochzeit alle Haare abschnitten und danach das Tichel, ein Kopftuch, trugen. Dennoch gab es zwischen den verschiedenen orthodoxen Strömungen immer graduelle Unterschiede in der Auslegung, ob nach der Hochzeit alles Haar verhüllt bleibt oder wie viel von ihrem Haar eine Frau zeigt. Heute bedecken orthodoxe Frauen ihre Haare mit Scheitel, Tuch, Barett, Baseballcap oder ähnlichem.
Über den Haaren liegt oder – wortwörtlich – sitzt im klassischen Judentum insbesondere bei Männern die Kippa und der Hut. Die Kippa ist eine flache, kreisförmige Kopfbedeckung aus Stoff, Wolle oder Leder, die meist von jüdischen Männern getragen wird. Oft sieht man sie am Hinterkopf mit Haarklammern befestigt. Kippa, im Plural „Kippot“, ist das hebräische Wort für „Käppchen“. Im Jiddischen heißt sie „Jarmulke“ oder auch „Kappel“. Sie gilt als Symbol der Gottesfurcht: Der Mann soll sich stets bewusst sein, dass es eine höhere Entität über einem gibt und das ist G!tt. Historisch-soziologisch werden des weiteren Hüte getragen, wie sie gegen Ende des 19. Jhs. und bis Mitte des 20. Jhs. sich entwickelt haben, über der Kippa. Es gibt keine Verpflichtung, weder aus der Tora noch aus dem Talmud, die das ständige Tragen der Kippa vorschreibt, obwohl diese Praxis im Talmud beschrieben wird. Mit der Zeit wurde diese Tradition aber zu einem jüdischen Brauch, und für den Großteil der halachischen Autoritäten zu einer Pflicht. Aus diesem Grund sollen Männer ohne Kippa weder gehen noch sitzen und kleine Jungen an diese Verpflichtung gewöhnen.
Selbst diejenigen, die keine ständige Kopfbedeckung tragen, bedecken ihr Haupt aus Respekt, wenn Sie einen G!ttesdienst, eine Hochzeit, einen Friedhof, einen sakralen jüdischen Ort oder einen Trauernden zu Hause besuchen und tragen eine Kippa oder Kopfbedeckung.
(AB)
Als 29-jähriger Mann verließ Siddhartha seine Familie und Freunde, Haus und Heimatstadt und begab sich, um sich der religiösen Suche zu widmen, in die Hauslosigkeit. Mit dem Auszug ins Asketenleben vollzog der spätere Buddha die Haar- und Bartrasur als Zeichen der weltlichen Entsagung[i].
Ein kahlgeschorener Schädel ist bis heute ein Erkennungsmerkmal buddhistischer Mönche und Nonnen. Es ist ein Zeichen dafür, dass jemand dem Laienstand entsagt (keinen Wert mehr auf weltliche Dinge legt) und die besonderen buddhistischen Regeln[ii] auf sich genommen hat.
Je nach buddhistischer Schultradition werden auch unterschiedliche Kopfbedeckungen getragen.
Im tibetischen Buddhismus existieren vier lamaistische Schulen:
1. Nyingmapa (Lotushut)
2. Sakyapa (Tiara, Krone; schwarzer Hut)
3. Kagyupa (Lotushut)
4. Gelugpa
In den Schulen 1-3 tragen die Mönche sog. Rotmützen, in der Gelugpa-Tradition, der auch der Dalai Lama angehört, werden sog. Gelbmützen getragen. Für Nonnen gibt es eine eigene Mütze.
Zusätzlich gibt es, ebenfalls je nach Schultradition, unterschiedliche Mützen/Hüte. Hohe Würdenträger der Nyingmapas tragen einen Lotushut (Hut des Padmasambhavas, Begründer des Vajrayanas), ebenso Klostervorstände, wenn sie die Lehre erläutern.
Die Tiara besteht aus fünf Seiten, wovon jede den Buddha oder eines seiner Symbole darstellt. Ein mit schwarzem Stoff überzogener Hut, an dessen Hinterseite auf die Schultern herabfallende schwarze Stoffstreifen angebracht sind findet u.a. Verwendung bei heiligen Tänzen.[iii]
Japanische Tradition (Mahayana-Buddhismus): Aufgrund der Modernisierung kam es bei der Kopfrasur zur Lockerung und es wird eine Kurzhaarfrisur akzeptiert. Bei wichtigen rituellen Anlässen wird ein traditionelles Mönchgewand angelegt und eine Kopfrasur vorgenommen. Neben einer Mönchskleidung wird auf dem japanischen traditionellen Bettelgang (Takuhatsu) auch ein asiatischer Kegelhut[iv] (Reishut; Takuhatsu Gasa) getragen. Generell hat dieser Strohhut keine religiöse Bedeutung, trotzdem steht er für ein Symbol des Buddhismus. Warum? Der Reishut der buddhistischen Mönche ist größer und verdeckt die obere Gesichtshälfte, weshalb der Mönch nur wenige Meter weit sehen kann. Gleichzeitig stellt dieses Verdecken eine Abschirmung von äußeren Einflüssen dar, der Mönch kann sich besser auf den geistigen Aspekt seines Almosenganges konzentrieren. Bedeutung für den Spender/die Spenderin: er/sie spendet nicht aus Sympathie gegenüber dem Mönch heraus, sondern aus einem religiösen Bewusstsein.
(KE)
[i] Vgl. vgl. Schumann Hans Wolfgang (1994): Buddhismus, Stifter, Schulen und Systeme. München
[ii] Der Disziplin-Codex der Mönche und Nonnen wird im Vinaya (ein Teil des dreiteiligen Palikanons) ausgeführt (vgl. Side Dominique [2017]: Buddhismus. Ein Grundlagenwerk für Lehrende, Lernende und alle Interessierten, Berlin).
[iii] Vgl. http://www.dieter-philippi.de/files/kopfbedeckungen_2/2056_Kopfbedeckungen_tibetisch-buddhistische_Wuerdentraeger_1.pdf
[iv] https://de.wikipedia.org/wiki/Buddhistisches_M%C3%B6nchtum#/media/Datei:Japanese_buddhist_monk_by_Arashiyama_cut.jpg
Im christlichen Kontext ist namentlich eine Stelle aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth wirkmächtig geworden: 1 Kor 11,3-16[1]. Sie ist ein Musterbeispiel dafür, was es heißt, eigene Perspektiven in der Texthermeneutik unreflektiert als prädiskursiv (d.h. als vor bzw. außerhalb des Diskurses existierend) auszugeben. Oder wie dies der Basler Theologe Samuel Werenfels (1657–1740) pointiert formulierte: „Die Bibel ist ein Buch, in dem jeder nach Dogmen sucht, und er fand sie auch mit seinen eigenen Dogmen.“ M.a.W., es braucht ein hohes Maß an Selbstreflexion, um nicht kulturell überformte Voraussetzungen als ‚natürlich‘ oder ‚gottgegeben‘ fehlzuinterpretieren. Denn gerade in 1 Kor 11 finden sich auch andere Aussagen, die erstaunlicherweise nicht wirkmächtig geworden sind.
Die solchermaßen biblisch begründete Pflicht des Haarebedeckens findet sich heute in unterschiedlicher Weise bei den Kopfbedeckungen etwa des katholischen Klerus und der Ordensschwestern. Die Pflicht zu einer Tonsur für Kleriker wurde 1973 unter Paul VI abgeschafft. Jene für eine Mantilla (oder ähnliche Kopfbedeckungen) für Frauen während der Messe wurde 1983 aufgehoben. In der orthodoxen Kirche gibt es eine lange Tradition, den Bart besonders wertzuschätzen und gleichzeitig langen Haaren bei Männern i.d.R. mit Skepsis zu begegnen oder sie abzulehnen (weil zu weiblich[2]). Der Schleier für Frauen während des Gottesdienstes wird heute nur mehr von der Russisch-Orthodoxen Kirche eingefordert.
Gegenwärtig steht insbesondere unter täuferischen Gruppierungen, die eine literale Bibelhermeneutik pflegen, die Kopfbedeckung für Frauen hoch im Kurs (Hutterische, Bruderhöfer, Mennoniten u.a.). Wichtig ist i.d.R. nicht die Tracht, sondern das, worum es geht: nämlich, sexuelle Anziehung zu verhindern[3].
Es darf an dieser Stelle durchaus gefragt werden, welchen Vorstellungen man hier anhängt. Handelt es sich schlicht um ein literales Befolgen eines in dieser Weise verstandenen Satzes aus der Bibel? Oder schreibt man den Haaren tatsächlich besondere Kraft zu? Womit zu fragen wäre, wie eine solche mythologische Vorstellung unter den Verstehensbedingungen der Gegenwart aufrecht erhalten werden kann?
Die Frage ist darum nicht, ob Kopftuch tragen richtig oder falsch ist. Es ist ähnlich wie bei der Religionsfreiheit: Die Freiheit keiner Religion angehören zu müssen ist ebenso wichtig wie die Freiheit, nicht einer (bestimmten) Religion angehören zu müssen. Ähnlich verhält es sich beim Kopftuch. In der EU kämpfen Frauen für das Recht, ein Kopftuch im Beruf/in der Öffentlichkeit tragen zu dürfen. Im Iran setzen Frauen (und solidarische Männer) ihre Leben aufs Spiel, kein Kopftuch tragen zu müssen. Das ist kein Widerspruch, sondern das sind die zwei Seiten derselben Medaille. Nämlich: Selbstbestimmung. Und die unsäglichste Begründung dafür, dass Frauen ein Kopftuch o.ä. tragen müssten, ist jene, weil dies der Männer wegen sein müsse. Sie wissen schon: Der immer geile Bock, der, sobald er des Weibes ansichtig wird, etc. etc. Weshalb das Kopftuch zum Schutze der Frau da sei. Das kann im 21. Jh. keine Option sein.
Man kann nicht in den Weltraum fliegen oder per Videokonferenz mit Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel kommunizieren und gleichzeitig im gesellschaftlichen oder persönlichen Miteinander Verhaltensmuster aus der Frühzeit der Menschheit propagieren. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die unhintergehbare Grundlage von Männern und Frauen hält, damit ein gleichberechtigtes Miteinander von Männern und Frauen (‚auf Augenhöhe’) unmöglich macht.[4]Jedenfalls sollte das lieber nicht mit einem Verweis auf ein göttliches Gebot begründet werden.
(ND, IAD, MF, US)
[1]5Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren. […] 14 Lehrt euch nicht die Natur selbst, dass es für einen Mann eine Unehre ist, wenn er langes Haar trägt, 15 aber für eine Frau eine Ehre, wenn sie langes Haar hat? S. dazu auch Lang, Friedrich: Die Briefe an die Korinther, Göttingen u.a: Vandenhoeck & Ruprecht ; 1994 ; 17. Aufl., (2. Aufl. dieser neuen Bearb.) https://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00050156_00001.html (via u:search).
[2] Vgl. Clemens v. Alexandria, Paidagogos III.
[3] https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-evangelische-bruderhofgemeinde-leben-wie-die-urchristen-100.html
[4] Paraphrase auf Bultmann Rudolf, Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, München 21985 (Nachdr. d. Ausg. v. 1941), 16.
Bekleidung, die dem Schutz der Körperteile dient, gilt gleichermaßen sowohl für den Mann als auch für die Frau:
„Oh Kinder Adams! Fürwahr, Wir haben euch von droben (das Wissen der Herstellung der) Gewänder erteilt, um eure Blöße zu bedecken und als eine Sache der Schönheit; aber das Gewand des Gottesbewusstseins ist am allerbesten. Hierin liegt eine Botschaft von Gott, auf dass der Mensch sie sich zu Herzen nehmen möge!“ Q (7:26)
Der Aspekt der Ästhetik spielt eine wesentliche Rolle, wobei der Fokus/Schwerpunkt bei der Gottesfürchtigkeit liegt, die mit dem Äußeren Einklang finden muss.
In der präislamischen Welt schien es üblich, dass Frauen wie Männer den größten Teil ihrer Körper verhüllten – die Frauen auch ihre Haare und die Männer den Kopf.
Takke
Ist eine Kopfbedeckung, die muslimische Männer bei religiösen Riten wie z.B. dem rituellen Gebet aufsetzen. Das gilt als empfohlen. Die Takke wird im Deutschen auch Gebetshaube genannt und kann je nach Herkunftsland sehr unterschiedlich gestaltet sein hinsichtlich ihrer Form oder Farbe.
Kopftuch für die Frau
Die Verhüllung [hidschab] ist die Bezeichnung der islamischen Frauenbekleidung, die sie gegenüber Männern, die nicht ihre Mahram-Verwandte sind, trägt.
Das Tragen des Kopftuches wird – abhängig von regionalen Unterschieden – von vielen der muslimischen Frauen als ein Teil der religiösen Praxis verstanden und dementsprechend durchgeführt.
Und sie sollen ihre Kopftücher (Ḫumur) [sing. Ḫimār] auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen...,“ Q (24:31)
„O Prophet! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen. Das ist eher geeignet, dass sie erkannt und so nicht belästigt werden...“ Q (33/59)
Auch wenn das Tragen des Kopftuches für die muslimische Frau eine religiöse Bindung hat, ist bekannt, dass das Kopftuch auch aus anderen Gründen getragen wird, besonders junge Mädchen experimentieren gerne und tragen es, weil sie entweder hübscher aussehen, Anerkennung suchen oder einer Gemeinschaft angehören wollen.
Reinheit und Ästhetik
Es ist bekannt, dass der Prophet Mohammed auf Pflege und Erscheinung einen großen Wert gelegt hat. Er hielt sein Haar immer sauber, gepflegt und trug bestimmte Öle und Duftstoffe auf sein Haar auf.Das Altern und die grauen Haare werden als etwas natürliches angesehen, wobei das Auszuzupfen als etwas unerwünschtes betrachtet wird. Es heißt, dass die grauen Haare am Tag des Gerichts ein Licht für die Person sein werden, wobei das Färben der grauen Haare auch erlaubt ist.
In einer Überlieferung heißt es: „Fünferlei gehören zur natürlichen Veranlagung: Die Beschneidung, das Rasieren der Schamhaare, das Kürzen des Schnurrbarts, das Schneiden der Nägel und das Zupfen/Rasieren der Achselhaare.“
Neugeborene
In der islamischen Tradition werden die Haare von Neugeborenen gekürzt oder rasiert, und wird ihr Gewicht in Gold oder Silber als Almosen an Bedürftige gespendet. Es genügt auch, das Gewicht zu schätzen und die entsprechende Menge in Bargeld zu geben.
Pilgerfahrt
Das Kürzen oder Rasieren der Haare wird in der Pilgerzeit als Zeichen der rituellen Reinigung und als ein Neuanfang angesehen und somit von nahezu allen Gläubigen vollzogen.
(FA, MBK)
Alevitischer Schöpfungsmythos als Grundpfeiler für die Gleichberechtigung der Geschlechter
Alle Seelen wurden von Gott erschaffen. Die weltliche Geschlechtlichkeit darf nicht an der Gleichwertigkeit aller Seelen rütteln. Die Haare sind Teil unseres Körpers und im heutigen Verständnis müssen sie nicht versteckt oder verdeckt werden und sie dürfen nicht für die Geschlechterdifferenzierung herangezogen werden.
Es ist die Pflicht der Männer sich zu bändigen, zu beherrschen, zu kontrollieren, falls sie sich von der Haarpracht der Frauen angezogen fühlen.
Verschiedene Lesarten des Koran
Die alevitische Glaubenslehre sieht die Beschäftigung mit der verborgenen Seite der Schriften, u.a. des Koran, vor. Zudem wird auf eine zeitgemäße Interpretation Wert gelegt. Verse über grundlegende ethische Normen und Gebote werden als allgemeingültig und zeitungebunden betrachtet. Andere Verse werden in den historischen Kontext eingebettet und es werden die Offenbarungsanlässe berücksichtigt. Alevit:innen lesen aus dem Koran kein Kopftuchtragegebot für Frauen heutzutage heraus.
Haare und Kopfbedeckung damals und heute
Kopfbedeckung für Frauen und Männer ist ein kulturelles Phänomen, das Veränderungen unterworfen ist. In den Dörfern haben sich die Frauen mit einem Kopftuch die Haare gebunden, weil es die Feld- und Hausarbeit erfordert haben und aus hygienischen und witterungsbedingten Gründen nützlich war. Zudem wollte frau in einer sunnitisch-islamisch dominierten Gesellschaft nicht auffallen. Alevit:innen tragen heutzutage in der Regel keine Kopfbedeckung. Auch beim gemeinschaftlichen Cem-Gottesdienst ist dies nicht vorgeschrieben.
Männer trugen traditionell einen Hut oder eine Herrenmütze (türkisch: kasket). Doch heutzutage stellt die Kopfbedeckung für Männer mehr ein Accessoire dar.
Im westlichen Gesellschaftskontext sind Alevit:innen in Bezug auf ihre Bekleidung als unauffällig zu bezeichnen. Das Tragen von angemessener, zeitgemäßer Bekleidung ist üblich.
(EK)
Ganz grundsätzlich gesprochen: Kopfbedeckungen verwendet man zum einen als Schutz gegen Witterung und vor Verletzungen. Zum andern im Zusammenhang mit „Haaren“, um diese vor Blicken zu schützen – und manchmal auch schlicht, um sie zu bändigen ;-) Hier steht die Frage nach dem Bedecken von Haaren, um sie vor Blicken zu schützen, im Zentrum.
Denn: „Die Kontrolle über Haare (gleich ob Haupt-, Bart- oder Schamhaare) ist ein Zeichen von Macht, die man über sich selbst oder über jemand anderen besitzt, da sie den individuellen Körper und damit eventuell auch soziale und religiöse Rollen sichtbar verändern kann.“ Religionsgeschichtlich gesprochen ist „eine große Haarpracht und Haarfülle positiv konnotiert. Üppig wachsendes Haar verbindet man mit Kraft, Vitalität, Schönheit und – bei Männern – mit Maskulinität. Der Verlust von Haaren – meist unfreiwillig – ist dies hingegen nicht, insbesondere dann, wenn der Haarverlust durch eine Zwangsrasur erfolgt“[i], wie dies etwa in der Geschichte von Simson und Dalilah (Ri 16) zum Ausdruck kommt.
Relativ früh entwickelte sich das sog. Nasiräer-Motiv (Ri 13. 16 passim) – wörtlich von hebr. nasir: „dem üblichen Gebrauch entziehen, aussondern“ –, demzufolge das Haupthaar nicht geschnitten und auf Wein oder Rauschtrank verzichtet wird. Das Nasiräat gab es ursprünglich wohl auf Dauer, dann auf bestimmte Zeit, wobei in diesem Fall zu Beginn sämtliche Haare geschnitten werden. In nachexilischer Zeit (also nach 539 B.C.E.) stand dies Männern und Frauen offen. Im Laufe der Zeit rücken strenge Speisegebote in den Vorder- und die Haare in den Hintergrund.[ii]
Bereits Ende des zweiten Jahrtausends B.C.E. gab es in Assyrien gesetzliche Vorschriften zum Tragen eines Schleiers. Frei geborene Frauen durften bzw. vielmehr: mussten einen Schleier tragen, Unfreie (Sklavinnen) und Prostituierte durften keinen tragen.[iii] Dh, religionsgeschichtlich haben Schleier eine lange Tradition, die offenkundig darauf abzielt, (sexuelles) Begehren gegenüber verheirateten und noch nicht verheirateten Frauen (die Ehefrau eines Mannes, die Tochter eines Mannes – wie es in diesem mittelassyrischen Text heißt) zu unterbinden. Anders gesagt, die Grundfunktion eines Schleiers bestand in der Kenntlichmachung einer Frau, dass sie sozusagen „nicht zur Verfügung“ stand. Wer keinen Schleier trug oder tragen durfte, genoss darum keinen Schutz.
Wer sich nun fragt: für wen nicht „zur Verfügung stehen“ oder Schutz wovor? dann sind wir bei einem Grundthema, das für die Überlegungen dieses School-Guides zentral ist (vgl. dazu die geschlechtertheoretische Perspektive).
Gleichzeitig ist festzustellen, dass diese mythologische Vorstellung der Bedeutung von Haaren auch in der Gegenwart überaus unterschiedlich gedacht wird und trotz der Veränderungen seit den 1960er Jahren langhaarige Männer und kahlköpfige Frauen nach wie vor durchaus unterschiedlich wahrgenommen werden – gerade was ihre geschlechtliche Kategorisierung und damit verbundene Zuschreibungen betrifft. Der Verweis auf die Reaktionen auf Verena Altenberger (die aufgrund der Verkörperung einer krebskranken Frau bei Dreharbeiten zuvor mit extrem kurzen Haaren) als Buhlschaft und Lars Eidinger (mit verhältnismäßig langen Haaren) als Jedermann bei den Salzburger Festspielen 2022 mag an dieser Stelle genügen.
(MF)
[i] https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/haare-haartracht-at
[ii] https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/nasiraeer-2/ch/ad6b4fc10bd5b4624c055424bc5566fd/ // https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/simson/ch/6b8fdb34031c328c30d7100ac08cd3b7/
[iii] mittelassyrische Rechtssammlung A § 40 (https://sourcebooks.fordham.edu/ancient/1075assyriancode.asp)
Hallpike, Christopher R. (2005): “Hair”, in: Encyclopedia of Religion 6, Detroit, 3738-3741.
Das Patriarchat bzw. patriarchale Strukturen dominieren seit sehr langer Zeit und in vielen Gesellschaften rund um den Globus die Art und Weise, wie Beziehungen zwischen den Geschlechtern strukturiert sind – dabei der Kernidee folgend: „Männer dominieren, unterdrücken und beuten Frauen aus“ (Walby, 214), um Männermacht in der Gesellschaft zu sichern (vgl. Connell, 98). Die Unterordnung von Frauen wurde sowohl von Religionen als auch von nicht-religiösen Weltanschauungen gleichermaßen gefordert, gefördert und erwartet.
Damit dieses System aufrechterhalten werden konnte, war ein zentrales Grunderfordernis (in Zeiten, wo nur der Grundsatz mater semper certa est die Abstammung sicher stellen konnte), die Reproduktion und damit die Sexualität von Frauen zu kontrollieren. Dazu war es notwendig, die Möglichkeiten von gegengeschlechtlichen Begegnungen auf ein Minimum zu reduzieren. Dies erfolgte zum einen darüber, dass die öffentliche Sphäre Männern, und die private, häusliche Sphäre Frauen zugeordnet war, wie dies u.a. in der griechischen Antike (Euripides, Aristoteles, Plato u.a.m.) ausführlich dargelegt wurde. Zum anderen mussten Frauen körperliche „Reize“ (Haare, Busen, Brüste, Figur, blanke Haut) bedecken, damit andere Männer nicht „animiert“ oder verführt werden, sexuell übergriffig zu werden. Dies diente freilich weniger dem Schutz „der Frau“ als vielmehr dem Schutz der Ehre „des Mannes“, die sich zu einem wichtigen Teil über das sexuelle (Wohl-)Verhalten der Ehefrau definiert.
Dass derlei mit allgemeinen Menschrechten (von bürgerlichen und politischen Rechten bis zu wirtschaftlichen und sozialen Rechten) nicht kompatibel ist, liegt auf der Hand. Denn es ist eine Sache, eine ehrenhaftes Leben in Eigenverantwortung zu führen; und eine andere, die eigene Ehre vom Verhalten Anderer abhängig zu machen, die sich deswegen unterzuordnen hätten. Gleichzeitig ist dies eine wesentliche Wurzel für gewalthältige Beziehungsformen, insofern der übergeordnete Mann in einem Abhängigkeitsverhältnis seiner untergeordneten Frau steht (i.S.d. Hegelschen Dialektik von Herr und Knecht).
Darum ist es dringlich notwendig, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und anzuerkennen, dass Kleidung (Kopf und Körper) zuallererst eine Entscheidung der einzelnen Person ist bzw. sein sollte und nicht etwas, das man aus Zwang für andere macht. Wenn jemand Krawatte trägt, sollte er das tun, weil er sich für einen besonderen Anlass entsprechend kleiden möchte – und nicht, weil es Ausdruck von Systemkonformität ist (vgl. Biddulph, 173ff). Wenn eine Frau einen Minirock anzieht und/oder einen Hidschab trägt, so sollte sie dies aus eigener Entscheidung tun und nicht, weil es andere Menschen erwarten oder daraus kurzerhand Schlüsse gezogen werden – die sich nur allzu oft als Kurzschlüsse erweisen.
Aber das eigentliche Problem liegt auf einer tieferen Ebene. Es ist für viele Menschen – sowohl Frauen als auch Männer – die nach wie vor ungelöste Frage der Gleichstellung der Geschlechter. Gleichheit bedeutet: gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten, ein in Freiheit selbstbestimmtes Leben zu führen. Unabhängig von dem jeweiligen Geschlecht. Gleichheit zu fordern bedeutet nicht, Unterschiede zu negieren, sondern Unterschiede tatsächlich wahrzunehmen. Denn Unterschiede/Begabungen/ Interessen verlaufen nicht entlang einer behaupteten Geschlechterbinarität, sondern zwischen Menschen. Wenn diese Perspektive tatsächlich anerkannt wird, ist es praktisch unmöglich, eine Frau auf ein Sexualobjekt zu reduzieren und einen Mann nur als immergeilen Bock zu verunglimpfen. Solches wird freilich von Männern, die Frauen vorschreiben, dass sie (Frauen) sich auf bestimmte Art und Weise kleiden müssten, um sich zu schützen, auf bemerkenswert paradoxe Weise gestützt. Und das, wo doch „der Mann“ gerne gleichsam als „personifizierte Ratio“ dargestellt wird. Doch wenn er des Weibes ansichtig wird, bleibe von all dem wenig übrig.
Darum geht es vielmehr um Begegnung von Personen auf Augenhöhe. Das gilt gerade auch für unterschiedliche Bekleidungsvorschriften, deren hauptsächlicher Zweck sei, eine befürchtete Verführung zu unterbinden. Anders gesagt: Get real, guys, und übernehmt Verantwortung für Euer eigenes Tun!
(MF)
Biddulph Steve (1999): Männer auf der Suche, München
Connell Robert W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten (Geschlecht und Gesellschaft 8), Opladen
Heller Birgit, Franke Edith (Hg.) (2024): Religion und Geschlecht, Berlin/Boston, 391ff.
Walby Sylvia (1989): Theorizing Patriarchy, in: Sociology 23/2, 213-234