Händeschütteln
Worum geht es?
Händeschütteln ist eine weit verbreitete Praxis bestimmter kulturell und religiös geprägter Räume.
Händeschütteln bezieht sich auf zwischenmenschliche Begegnung und umfasst juristische, hygienisch-medizinische, geschlechterspezifische, pädagogische und religiöse Aspekte.
Es bringt Höflichkeit und Respekt zum Ausdruck.
Es setzt ein Zeichen der Friedfertigkeit.
Es gilt als Bestätigung der Einvernehmlichkeit oder eines Rechtsgeschäftes.
Es ist eine Praxis, die in Schule und Gesellschaft immer wieder Anlass zu Irritationen bietet, und zwar dort, wo diese Konvention unterbrochen wird.
Eine „Verweigerung“ des Händeschüttelns kann aus unterschiedlichen Gründen geschehen: gesundheitlich-hygienisch (nicht nur pandemiebedingt), religiös, traditionell, Vermeidung sexueller Übergriffigkeit.
Näher betrachtet
Händeschütteln vermittelt unausgesprochene zwischenmenschliche und gesellschaftlich sozialisierende Strukturierung. Dies fördert das Erlernen gesellschaftlicher Konventionen, die jedoch ambivalent erlebt werden können.
Bereits sehr junge Kinder werden häufig angehalten, „die Hand“ zu geben, wodurch soziale Hierarchien vermittelt werden und auch, welche die „richtige“ Hand sei.
Die Frage der Stärke des Händedrucks und dessen Dauer spielt ebenso eine Rolle, wie der Augenkontakt und die (mögliche) Rolle der linken Hand.
Händeschütteln kann sowohl körperlich als auch sexuell übergriffig erlebt werden (in beide Richtungen).
Fehlinterpretiertes Händeschütteln kann zu wechselseitigen Unterstellungen führen.
Fehlinterpretiertes Unterlassen des Händeschüttelns kann zu wechselseitigen Unterstellungen führen.
Was beschäftigt mich?
Immer wieder kommt es zu einem Austausch im Lehrerzimmer über die Verweigerung des Händeschüttelns, da Händeschütteln im schulischen Kontext zuweilen missverständlich interpretiert wird und Kolleg:innen in einem Spektrum von Ablehnung bis Akzeptanz reagieren.
Besonders beim Thema „Vater eines Kindes (oder auch ein Schüler) verweigert gegenüber einer Lehrerin das Händeschütteln“. Unausgesprochener Subtext: Der Mann (bzw. Bub) nichtösterreichischer Herkunft verweigert einer Frau den zu erwartenden Respekt.
Produktiv betrachtet
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass es bei einer Begrüßung um den Erweis des Respektes geht, nicht um das Händeschütteln an sich. Aufgrund der Vielzahl verschiedener Möglichkeiten in der Begrüßung kann solcher Respekterweis unterschiedlich zum Ausdruck gebracht werden.
Gleichzeitig kann solch ein differenzierter Zugang nur allzu leicht missbraucht werden und als Vorwand dienen, genau diesen Respekt vermissen lassen zu können. Zudem kann man jemandem auch respektlos die Hand schütteln.
Manchmal wirkt es so, als würde das Händeschütteln umso nachdrücklicher eingefordert, je weniger es tatsächlich um echte Gleichstellung geht, sondern vielmehr darum, Druck auszuüben, insbesondere auf diejenigen, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Dies ist ebenso unangemessen wie tatsächlich respektloses Verhalten.
Derlei steht im Widerspruch zur geltenden Schulordnung (BGBl. II Nr. 126/2024)[1]. Um Verhaltensweisen unterscheiden und angemessen bestimmen zu können, bedarf es eines aufmerksamen und informierten Blicks. Nicht außer Acht zu lassen ist, dass Händeschütteln als gesellschaftliche Praxis nur allzu leicht die körperliche Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen übergeht.
Für detailliertere Informationen klicken Sie auf die jeweilige Tradition oder Perspektive:
בס"ד
Shake Hands oder shake minds? Das Händeschütteln aus der Sicht des klassischen „orthodoxen“ Judentums
Dass wir nicht lange überlegen, ist alltäglich: Ein schneller Händedruck beim Kennenlernen, Begrüßen, Verabschieden, Besiegeln oder Gratulieren. Aber was hat das Judentum dazu zu sagen? Könnte ein einfacher Händedruck problematisch sein?
In einem Glaubens- und Regelkodex, der vom ersten Augenaufschlag, bis zum letzten Augenzwinkern am Tag alles mit theologischem Hintergrund und Spiritualität durchsetzt und hinterlegt könnte auch dies eine Rolle spielen.
Bei der Auflistung verbotener sexueller Beziehungen sagt die Torah nicht einfach „Tu es nicht“. Es heißt: „Komm nicht einmal in die Nähe“, sie sagt nicht einfach „tu es nicht“. Sie befiehlt uns tatsächlich, „nicht in die Nähe zu kommen“, um diese Handlungen zu begehen. „In die Nähe kommen“ bedeutet jede Art von körperlicher Zuneigung, die zu Übertretungen führen könnte.
Ein fester Händedruck, ein schlaffer Händedruck, eine etwas zu lange gehaltene Hand – so viel kann durch diese scheinbar unschuldige Geste vermittelt werden. Ein Händedruck ist nur ein Händedruck – bis er zu etwas mehr wird. Es gibt einen sehr schmalen Grat zwischen lässiger Berührung und sinnlicher Berührung, und eine Interaktion kann leicht von einer Kategorie in die andere gleiten. Wir respektieren die Privatsphäre und Würde des Anderen und schützen unsere eigene, indem wir klare Grenzen wahren.
In der Regel also geben praktizierende Juden Angehörigen des anderen Geschlechts nicht die Hand. Die Wurzel dieser Praxis ist 3. Mose 18:6, wo uns gesagt wird, dass sich niemand einer verbotenen Beziehung nähern darf, um einen Geschlechtsakt zu initiieren. Die verbotenen Beziehungen sind bereits klar abgegrenzt. Was durch diesen Vers hinzugefügt wird, ist der Teil „sich nicht nähern“, der als Verbot jeder Form von liebevollem Kontakt (derech chibah) mit einer verbotenen Beziehung verstanden wird (Sifra Acharei Mos 9, et al.). „Zärtlicher Kontakt“ beinhaltet eindeutig Umarmen und Küssen, aber auch Händeschütteln? Händeschütteln ist definitiv ein Zeichen der Kameradschaft. Schauen Sie sich nur an, wie die Öffentlichkeit reagiert, wenn eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens einem politischen Rivalen oder unpopulären Weltführer die Hand schüttelt oder nicht. In unserer Gesellschaft ist das Händeschütteln ein Zeichen der Brüderlichkeit, und das ist im Kontext des Judentums Chibah (Zuneigung), auch wenn es nicht romantisch ist.
Eine übliche – aber bei weitem nicht universelle – Praxis ist es, eine Hand anzunehmen, wenn sie von einer Person des anderen Geschlechts angeboten wird, die mit der jüdischen Praxis nicht vertraut ist. Dies geschieht, um die andere Person, die neugierig erscheinen mag, nicht in Verlegenheit zu bringen.
Schließlich sollte angemerkt werden, dass, wenn ein Mann sich weigert, einer Frau die Hand zu geben, dies nicht daran liegt, dass er sexistisch sei. Dieses Gesetz funktioniert in beide Richtungen: Männer geben Frauen nicht die Hand, und Frauen geben Männern nicht die Hand.
Es gibt diejenigen, die es für ein biblisches Verbot halten, und diejenigen, die es für rabbinisch halten. Einige betrachten das Händeschütteln als liebevoll, andere betrachten es als normal, und für einige ist diese Unterscheidung irrelevant. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass einige eine Hand akzeptieren, wenn sie in Unwissenheit angeboten wird, während andere unter allen Umständen ablehnen werden. Anhänger jeder Praxis haben triftige Gründe, so zu handeln, wie sie es tun.
(AB)
Im indischen Raum dürfte das Anjalimudra (skrt. Gruß- oder Verehrungsgeste) als Begrüßungsgeste schon zu Buddhas Lebzeiten üblich gewesen sein, dabei gab es keinen Körperkontakt. Die Geste wird von einer mehr oder weniger leichten Verbeugung unterstrichen. Beim asiatischen Gruß, in der buddhistischen Kultur wird generell die Berührung vermieden.
In den buddhistischen Ordensregeln für Mönche und Nonnen (Vinaya-Pitaka III und IV) sind die Beziehungen zwischen den Geschlechtern festgehalten:
Mönche der Pali-Tradition müssen zölibatär leben. Es ist ihnen nicht gestattet, Frauen zu berühren, sie müssen auf physischen Kontakt – auch auf das Händeschütteln – mit Mitgliedern des anderen Geschlechts verzichten.
Vinaya-Piṭaka III, BHIKKHU-VIBHAṄGA
Körperkontakt[1]
270. „Wer auch immer als Mönch besessen [von Sinneslust] und mit [von Sinneslust] verführtem Geist, sich mit einer Frau zusammen in körperlichen Kontakt kommen sollte[409], [indem er] deren Hand ergreift oder das Haar[410] ergreift oder den einen oder anderen Körperteil berührt[411], begeht ein Saṅghādisesa-Vergehen.“ Das Saṅghādisesa-Vergehen bewirkt eine zeitweilige Exkommunikation
Diese Vorsichtsmaßnahmen wurden von Buddha niedergelegt, um falsche Anschuldigungen zu vermeiden und das Ansehen der Mönche zu wahren.
Vinaya-Piṭaka IV, BHIKKHUNĪ-VIBHAṄGA
In den Vorschriften für die buddhistischen Nonnen ist geregelt, dass eine Nonne, die Berührung erduldet, vom Orden ausgeschlossen wird.
78. [657.] „Wer auch immer als Nonne von Leidenschaft entbrannt von einer von Leidenschaft entbrannten männlichen Person unterhalb des Schlüsselbeins und oberhalb der Kniescheiben das Berühren oder Streicheln oder Anfassen oder Anrühren oder Drücken dulden sollte, auch die ist eine Ausgeschlossene, eine Ausgestoßene[122], eine, die [jemanden] unterhalb des Schlüsselbeins und [oberhalb] der Kniescheibe [berührt hat].[123]“[2]
In der ZEN-Tradition wird Gassho praktiziert
Der traditionellen Erklärung zufolge ist die linke Hand Buddha, das, was jenseits des Ichs liegt, und die rechte Hand ist das Ich. Die beiden werden beim Gassho eine Einheit. Wenn man sich verneigt, macht man es mit Respekt und im Geist der Einheit mit den anderen. Der Geist des Gassho ist der Geist des tiefen Respekts für alle Wesen.
Vajrayana – tibetischer Buddhismus
Einen angemessenen Respekt gegenüber einem Lama (Würdenträger) zeigt man, indem man ihm gemäß der tibetischen Tradition bei der Begrüßung oder Verabschiedung einen weißen Seidenschal (tib. Kathak) überreicht. Zusätzlich verbeugt man sich bei seiner Ankunft dreimal, bei seiner Verabschiedung einmal, dabei werden die Hände zusammengefaltet und auf der Höhe der Brust gehalten.
Weitere traditionelle tibetische Begrüßungsformen:
Nahestehende Personen werden durch das Berühren der Stirn begrüßt.
In Zentraltibet wird folgendermaßen gegrüßt: Die Frauen berühren die Fingerspitzen ihrer Hände und machen eine Vorwärtsbewegung auf ihren Begrüßungspartner zu. Gleichzeitig sagt man entweder „Willkommen“ oder „Auf Wiedersehen“. Die Männer grüßen oft, indem sie ihre Hüte leicht anheben.
Neuerdings begrüßt man sich mit dem Grußwort „Tashi Delek“, das so viel wie „Viel Glück“ und „Möge es dir wohlergehen“ ins Deutsche übersetzt heißt, jedoch als „Guten Tag“ oder als „Hallo“ verwendet wird.
(KE)
[1] https://www.palikanon.com/vinaya/3-bhu-v/bhu0234-282.htm#para269
[2] https://www.palikanon.com/vinaya/4-bhi-v/bhi0072-0098.htm#para77
Das Händeschütteln hat in der christlichen Kultur eine lange Tradition und wird als Zeichen der Gemeinschaft und des Friedens betrachtet („Friede sei mit dir“ begleitet von einem Händedruck). Es steht für den Wunsch nach respektvollem Miteinander und gilt als Akt der Nächstenliebe sowie als Ausdruck von Vertrauen (Gal. 2,9). In der frühen christlichen Zeit wurde der Friedensgruß nicht durch einen Händedruck, sondern durch einen „heiligen Kuss“ bekräftigt. Dies galt (siehe Röm 16,16; 1 Thess 5,26; 1 Kor 16,20; 2 Kor 13,12; 1 Petr 5,14) für alle Gemeindemitglieder in geschwisterlicher Verbundenheit – das heißt, unabhängig vom Geschlecht. Dies gilt auch für das Händeschütteln (es sei angemerkt, dass die Tradition des Handkusses soziologische Wurzeln hat, die mit Autorität verbunden sind).
Mit dem Friedensgruß in der liturgischen Kommunikation steht daher, im Gegensatz zur alltäglichen Kommunikation, nichts Geringeres als eine erschaffene Realität auf dem Spiel, die mit Gottes Handeln verbunden ist. „Friede sei mit dir“ ist im liturgischen Kontext etwas völlig anderes als „Schüttelt euch die Hände und sagt ein freundliches Wort zueinander“[i].
Im Ritual verkünden sie einander eine Realität, die den üblichen Erklärungs- und Erfahrungszusammenhängen widerspricht: Gottes Frieden. Was den Friedensgruß als Teil der Liturgie kennzeichnet, ist, dass er eine erschaffene Realität neu erschafft und verkündet. Die einzelnen Teile der Liturgie sowie die Liturgie als Ganzes ziehen die Feiernden in eine „Geschichte“ Israels und der Kirche hinein (aufgrund des umfassenden Verständnisses des hebräischen „Shalom“), die mit Gottes Handeln verbunden ist und der „Ordnung der Dinge“ und den entsprechenden historischen Konstruktionen und Machtstrukturen widerspricht.
Darüber hinaus gibt es besonders kulturell beeinflusste Traditionen. Das Händeschütteln ist in der orthodoxen Kirche eher unüblich und wird meist durch respektvollere Formen der Begrüßung ersetzt, die auch spirituelle Bedeutung haben. Gleichwohl kann es in bestimmten Situationen, abhängig von der Kultur und den lokalen Gepflogenheiten, vorkommen.
In der orthodoxen Kirche liegt der Fokus auf spirituellen Gesten wie dem Kreuzzeichen, der Verneigung oder dem Küssen der Hand eines Priesters oder Bischofs. Das Händeschütteln ist keine traditionelle Praxis im liturgischen oder geistlichen Kontext und wird in der Kirche selten verwendet. In informellen Situationen, wie beim Begrüßen außerhalb der Kirche oder im Gemeindesaal, kann das Händeschütteln dennoch als Zeichen von Höflichkeit und Freundschaft verstanden werden. Körperliche Verneigung: Anstelle eines Händedrucks ist eine leichte Verneigung eine gängige Praxis, insbesondere beim Grüßen von Geistlichen oder beim Betreten der Kirche.
(ND, NAD, MF, US)
[i] Vgl. Heuser Stefan (2018): Der Friedensgruß. Zur theologischen Grammatik und liturgischen Gestalt eines zentralen Elements gottesdienstlicher Friedensethik, in: Bubmann Peter/Deeg Alexander (Hg.): Der Sonntagsgottesdienst. Ein Gang durch die Liturgie, Göttingen, 227 [https://doi.org/10.13109/9783666570629.222].
Der Umgang von Muslim:innen mit dem Händeschütteln ist durch lokal-kulturelle, religiöse sowie individuelle Sichtweisen sehr unterschiedlich und vielfältig.
Es sollte vorweg festgehalten werden, dass es keine klaren theologischen Grundlagen in den Primärquellen bzw. im Koran gibt, die das Händeschütteln ausdrücklich regeln. Einige wenige Überlieferungen (Hadithe) sind jedoch vorhanden, die als ein mittelbarer Beleg für dessen Regelung angeführt werden. Diese beziehen sich auf den Treueschwur (bay’a) und berichten von Menschen, sowohl Frauen wie Männer, die zu Lebzeiten des Propheten massenweise zum Islam übertraten. Ihre Verbundenheit und Loyalität mit dem Islam wurden dadurch vor dem Gesandten Muhammad und/oder seinen engsten Gefährten zum Ausdruck gebracht[i], indem die neuen Gläubigen gruppenweise ihren Treuschwur beim Gesandten abhielten und er diesen mit einem Händedruck annahm. Dabei habe der Gesandte bei den Frauen auf das Händeschütteln verzichtet. Aus dieser Handlungsweise des Gesandten, der ja als Vorbild für die Muslim:innen gilt, wurde später ein Verbot des Händeschüttelns zwischen Männern und Frauen abgeleitet.
Die durch die Globalisierung eingeleitete vermehrte Begegnung von Muslim:innen mit westlichen Kulturen und ihren sich verändernden Lebensumständen, je nachdem wo sie inzwischen beheimatet sind, wird diese Umgangsform von gegenwärtigen islamischen Theolog:innen neu aufgerollt. Beispielsweise untersucht der Theologe Ahmet Keleş in der Türkei[ii] die Überlieferungen, aus denen ein solches Verbot abgeleitet wurde, aus semantischer und historischer Perspektive. Er meint, dass diese Hadithe in jedem Fall keine definitive Beweiskraft für ein solches, grundsätzliches Verbot darstellen würden, da der Prophet seine Vorgehensweise nicht begründete.
Er problematisiert die selektive Vorgehensweise der Befürworter des Verbots bei der Urteilsbildung aus den Hadithen und sieht dies als einen möglichen Grund für die Fehldeutung. Denn es gibt zahlreiche andere Hadithe, die auf das Händeschütteln des Propheten oder seiner Gefährten mit Frauen hinweisen würden. Es wird beispielsweise darüber berichtet, dass der Prophet in einer Huldigungszeremonie, nachdem er bei der anwesenden Menschenmenge das Treuegelöbnis von Männern entgegennahm, seinen Gefährten ʿUmar beauftragte, die Huldigung von Frauen gleicherweise entgegenzunehmen, wobei ʿUmard dies durch Händedruck tat und der Prophet es ihm so erlaubte. Bezüglich der Diskrepanz der Berichte weist Keleş darauf hin, dass die jeweiligen Hadithe mit Rücksicht auf ihren jeweiligen Kontext bewertet werden sollten und die eigenen Präferenzen des Gesandten dabei nicht als ein Rechtsurteil generalisiert werden könnten. So argumentiert er, dass, wenn der Gesandte jemals vorgehabt hätte, das zwischengeschlechtliche Händeschütteln zu verbieten, er dies ausdrücklich geäußert hätte.[iii]
Somit wird die Unterlassung des zwischengeschlechtlichen Händeschüttelns individuell und kulturell sehr unterschiedlich gedeutet und praktiziert. In einigen Kulturen wird die Unterlassung des Händeschüttelns als Ausdruck des Respekts gegenüber der Frau betrachtet. Beispielsweise in der türkischen Kultur wird es als respektlos gegenüber der Frau empfunden, wenn ein Mann den ersten Schritt wagt und einer Frau seine Hand reicht, bevor sie ihm ihre Hand einreicht. Die Frau hat dabei die Entscheidungshoheit, wie sie ihr männliches Gegenüber begrüßen möchte und entscheidet auch über Nähe und Distanz – und nicht der Mann.
Andere wiederum betrachten das Händeschütteln aus sozialethischer Hinsicht und verzichten darauf mit der Begründung, dass sie einer fremden weiblichen Person die Hand nicht geben bzw. in Berührung kommen. Stattdessen legen sie die Hand auf das Herz und begrüßen die weibliche Person auf diese Weise.
Andere verzichten auf das Händeschütteln aus einem simplen Grund, nämlich – wie oben beschrieben wurde – als Nachahmung der Sunna/Praxis des Gesandten.
Zu betonen ist auf jeden Fall, dass die Verbindung des Verzichts auf das Händeschütteln mit der „Diskriminierung des weiblichen Geschlechts“ eine Interpretation/Außenwahrnehmung in der Gegenwart in manchen europäischen Ländern ist, die nicht unproblematisch ist, da sie eine bestimmte Wahrnehmung bzw. das Vorurteil, das gegenüber dem Islam bzw. Muslim:innen geäußert wird, nämlich die Ungleichbehandlung der Geschlechter, auf den Akt des Händeschüttelns überträgt. Dabei werden Muslim:innen als eine homogene Gruppe bzw. der Islam als ein monolithisches Gebilde betrachtet.
Demgegenüber wird der Akt des zwischengeschlechtlichen Händeschüttelns als ein Kulturgut für Gleichberechtigung der Mehrheitsgesellschaft in Abgrenzung zu einer „muslimischen Minderheit“ hochstilisiert. Mirjam Aeschbach bezeichnet dieses Phänomen als Kulturalisierung, die bei der künftigen Auseinandersetzung mit dieser Thematik und ähnlichen Konfliktthemen ebenso berücksichtigt werden sollte.[iv]
(FA, FC[v], MBK)
[i] Vgl. Stowasser Freyer Barbara: Women and Citizenship in the Qur’an. In: Moghisse Haideh [Hg.]: Women and Islam. Critical Concepts in Sociology. New York 2005, S. 180-194.
[ii] Vgl. Keleş Ahmet (2001): Kadınlar ile Tokalaşmanın Haramlığını Bildiren Hadislere Semantik Bir Analiz. In: Islâmî Araştırmalar, 14, 3-4, 517-528. Dieser Abschnitt wurde entnommen aus: Cavis Fatima: Eine Analyse und Bewertung der Frauenbilder in den ausgewählten islamischen Frauenkatechismen (Kadın İlmihalleri) der Türkei, S. 124-125 (unveröffentlichte Magisterarbeit).
[iii] Keleş 2001,S.526f., zitiert in Cavis (s. Anm. 2).
[iv] Dazu Aeschbach Mirjam (2021): Politisierung von Kultur, Religion, und Geschlecht: Die Kulturalisierungen eines verweigerten Handschlags in Deutschschweizer Medien. ZfR 29(1), 60–82.
[v] Fatima Cavis war bis Mai 2022 Teammitglied bei ILGD.
Grundsätzlich ist das Händeschütteln mit dem anderen Geschlecht kein Tabu und kein Diskussionsthema in der heutigen türkeistämmigen alevitischen Gesellschaft. Die theologische Grundlegung liegt darin, dass bei den Gottesdiensten, den Cems, alle Teilnehmenden ihre sozialen, kulturellen, geschlechtlichen und sonstigen trennenden und klassifizierenden Identitäten, Positionen und Ränge symbolisch vor der Türschwelle ablegen und als „Can“ (Seele, Leben) gleichberechtigt am religiösen Ritual teilnehmen.
Der Heilige Hacı Bektaş Veli sagte schon im 13. Jahrhundert:

Sinngemäß übersetzt:
„Beim spirituellen Gespräch fragen wir nicht nach dem Geschlecht
Alles von Gott Erschaffene ist am richtigen Platz
In unseren Augen gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau
Das Fehlerhafte und Mangelhafte liegt in deinen Ansichten.“
Die Ritualdynamiken spiegeln sich im Alltag wider. Die Erziehung und Bildung von Individuen zu gleichberechtigten Mitgliedern einer Gemeinschaft ist ein fundamentales Ziel.
Eine weitere Methode der Begrüßung ist die Hand auf das Herz legen und eine leichte Verbeugung des Oberkörpers oder ein Nicken mit dem Kopf, die gerade seit Pandemiezeiten vermehrt als Begrüßungsart zur Anwendung kommt.
Bei alevitischen Eltern brauchen Lehrer:innen keine Bedenken bezüglich Begrüßung mit oder ohne Händeschütteln zu haben. Bieten Sie eine Begrüßung und Verabschiedung mit Händeschütteln an, wenn sie es ebenfalls bevorzugen.
(EK)
Das Patriarchat dominiert seit sehr, sehr langer Zeit und in vielen, vielen Gesellschaften rund um den Globus die Art und Weise, wie Beziehungen zwischen den Geschlechtern strukturiert sind. Die Ursprünge bleiben etwas unklar. Aber es scheint sehr wahrscheinlich, dass sich das Patriarchat im Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftigkeit entwickelt hat. Die Kernidee ist recht simpel: „Männer dominieren, unterdrücken und beuten Frauen aus“ (214), wie Sylvia Walby es pointiert formulierte, um Männermacht in der Gesellschaft zu sichern. Die Unterordnung von Frauen wurde sowohl von Religionen als auch – später – nicht-religiösen Weltanschauungen gleichermaßen gefordert und erwartet.
Man fragt sich, wie es möglich war – und in vielerlei Hinsicht noch immer ist –, diese Erzählung aufrechtzuerhalten, oder genauer gesagt: diese ziemlich bizarre Behauptung, dass Männer besser/wichtiger als Frauen seien. Der französische Philosoph Pierre Bourdieu argumentierte, dies werde von Gesellschaft und Kultur produziert und im täglichen Leben reproduziert, wodurch es Teil des sog. Habitus wurde. Die australische Geschlechtertheoretikerin Raewyn Connell bezeichnet diesen Mechanismus als Hegemoniale Männlichkeit, die folgendermaßen definiert wird: „Die Konfiguration der Geschlechterpraxis, die die derzeit akzeptierte Antwort auf das Problem der Legitimität des Patriarchats verkörpert“ (100).
Verglichen mit der langen Geschichte des Patriarchats ist es eine sehr junge Entwicklung, dass dieser Anspruch auf Männerdominanz von Frauen (und neuerdings: von Männern) in großem oder sogar globalem Umfang in Frage gestellt, kritisiert oder schlicht gänzlich abgelehnt wird. So lehnten Frauen die Erwartungen einer sexuellen Verfügbarkeit und die vielerlei Formen sexueller Gefälligkeiten im Austausch gegen beruflichen Fortschritt und den Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung zunehmend ab.
Aber zum einen gibt es Trittbrettfahrerinnen, die falsche Behauptungen aufstellen, was sowohl Opfer delegitimiert als auch vermeintliche Täter in teils existenzbedrohende Situationen bringen kann; und zum anderen gibt es nicht wenige Männer, die nunmehr darob verwirrt sind, was im Umgang mit Frauen denn nun angemessen sein könnte (man erinnere sich an jenen – später gekündigten – Primar, der live im Fernsehen meinte, er könne doch nicht wissen, ob ein Hintern halte, was er verspreche, wenn er ihn nicht vorab begrapsche). Daraus folgern nun Manche, dass es besser sei, körperliche Interaktion am Arbeitsplatz so wie weit wie möglich zu minimieren – und zB Händeschütteln generell zu ächten.
Nun ist in unseren Breitengraden sinnvollerweise nicht mehr von Patriarchat zu sprechen, sondern vielmehr von patriarchalen Strukturen. Denn das eigentliche Problem liegt auf einer tieferen Ebene. Es ist – für viele Menschen, sowohl Frauen als auch Männer – die ungelöste Frage der Gleichstellung der Geschlechter. Gleichheit bedeutet nicht Einheitsbrei. Gleichheit bedeutet: gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten. Unabhängig von dem jeweiligen Geschlecht. Denn Unterschiede/Talente/Interessen/Begabungen verlaufen nicht entlang irgendeiner vermeintlichen Geschlechterbinarität, sondern zwischen Menschen. Wenn diese Perspektive tatsächlich gelebt wird, ist es praktisch unmöglich, eine Frau nur als Sexualobjekt wahrzunehmen, sondern: als Person auf Augenhöhe.
Darum lautet die Frage letztlich nicht, ob man Personen anderer geschlechtlicher Orientierung die Hand schüttelt, sondern ob man Menschen die Hand schüttelt – oder nicht. Dies sollte in wechselseitigem Respekt erfolgen. Jede*r kann – nach einem Moment der Selbstreflexion – mühelos feststellen, dass es zwischen „ich greife einen Pudding an“ und „ich brech dir die Finger“ situationsadäquate Formen des Händeschüttelns gibt. So viel Selbst- und Fremdwahrnehmung ist zumutbar.
(MF)
Walby Sylvia (1989): Theorizing Patriarchy, in: Sociology 23/2, 213-234
Bourdieu Pierre (2005): Die männliche Herrschaft, Frankfurt a.M. 2005
Connell Robert W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten (Geschlecht und Gesellschaft 8), Opladen (Masculinities, 1995)
Fischer Martin (2008): Männermacht und Männerleid. Kritische theologische Männerforschung im Kontext genderperspektivierter Theologie als Beitrag zu einer Gleichstellung der Geschlechter (Edition Ethik 2), Göttingen