„Mehr Praxis!“ lautet der Ruf vieler Lehramtsstudierender. Im Gespräch mit KPH-Rektorin Ulrike Greiner hält Bildungswissenschaftler Rudolf Beer mit seinem Verständnis von guter Theorie in der Lehrer:innenbildung dagegen: Wirksame Theorie öffnet uns neue Perspektiven auf Praxis, erst in der Reflexion verbinden sich Unterrichtserfahrung und Wirkung auf die Schüler:innen, meint er. Daraus entsteht letztlich gute Lehrer:innenbildung. Empirischen Daten kommt hier eine entscheidende Rolle zu. Und so plädiert Beer auch unbedingt für mehr "Data Literacy" an den Hochschulen.
Was bringt mehr für angehende Lehrerinnen und Lehrer — Praxis oder Theorie? Folgt man KPH-Professor Rudolf Beer, ist diese Frage gewissermaßen falsch gestellt. Gute Lehrer:innenbildung lebt davon, dass beides ineinandergreift, wie er im Gespräch mit Ulrike Greiner erläutert. Der pädagogische "Doppeldecker der Lehrer:innenbildung" nach Beer lässt die Studierenden nicht nur praktische Erfahrungen machen, sondern hilft ihnen auch, diese zu verstehen, einzuordnen und daraus in Training und Analyse immer bessere Praxis zu entwickeln. So gesehen ist auch Theorie eine Art von Praxis, sie zeigt vor, diskutiert, evaluiert usw. — aber sie muss punktgenau die wirklichen Probleme der angehenden Lehrer:innen betreffen.
Dabei geht es letztlich um die Wirkung der pädagogischen Interventionen auf Schülerinnen und Schüler. Denn deren möglichst positiv verlaufende Bildungslaufbahn steht schließlich im Fokus aller Lehrenden. Die wissenschaftliche Reflexion wirkt also im besten Fall in den Alltag von Schule und Unterricht hinein. Theorie wird auf diese Weise nicht als abstrakter Zusatz begriffen, sondern als Fundament, das die Unterrichtspraxis kritisch begleitet und weiterentwickelt. Von einer solchen „Theorie“ als Praxis, lebendig und aufschlussreich, sinnstiftend und passgenau, sind die Studierenden fasziniert. Sie lehnen nicht „Theorie“ ab, sondern schlechte Lehre, schlechte Hochschuldidaktik.
Eine entscheidende Rolle kommt auch in der Bildungsforschung immer wieder der Sammlung von Daten zu, wie Beer weiter erläutert. Denn erst valide Daten ermöglichen etwa auch eine fundierte Weiterentwicklung von Lehrplänen für die Lehrer:innenaus- und -weiterbildung. Ein Beispiel sind die "Belastungsstudien", die der Bildungswissenschaftler mit Berufseinsteiger:innen durchgeführt hat. Sie ergeben ein differenziertes Bild für unterschiedliche Gruppen von Lehrenden. Beispielsweise empfinden Quereinsteiger:innen an den Schulen demnach anfangs den Unterricht als besonders belastend; ein Thema, das die an den Hochschulen ausgebildeten Lehrer:innen weit weniger betrifft, wie Beer im Gespräch mit Rektorin Greiner erzählt.
Im Hinblick auf Daten plädiert Hochschulprofessor Beer unbedingt für "Data Literacy" bzw. für ein zentrales Prinzip im Umgang mit diesen. Er versucht in seinen Projekten stets, alle Akteur:innen einzubeziehen, sie nicht nur zu beforschen, sondern ihnen Kompetenz im Umgang mit "ihren" Daten zu vermitteln. Dieses Verständnis prägt seine Hochschullehre, wie er erzählt. Studierende sind in seinen Lehrveranstaltungen "Jungforscher:innen", erheben selbst Daten, interpretieren sie und geben Rückmeldungen an Schulen. So wird Forschung einmal mehr mit der Praxis verknüpft und werden Daten zum Ausgangspunkt für Reflexion. Entscheidend ist aus Beers Sicht, dass Lehrende und Studierende die Hoheit über diese Daten behalten und lernen, sie als Instrument zur Weiterentwicklung zu nutzen.
Neue Gesprächsreihe: KPH Insights
Rudolf Beer ist Hochschulprofessor an der KPH Wien/NÖ mit Schwerpunkt auf Schulpädagogik, empirisch-quantitativer Bildungsforschung und Inklusion. Das Gespräch mit ihm eröffnet die neue Gesprächsreihe KPH Insights: In loser Folge geben Lehrende der Hochschule spannende Einblicke in ihre Forschung, ihre Projekte, ihre Sicht auf aktuelle pädagogische Fragestellungen – und machen so die Vielfalt der Praxis der Lehrer:innenbildung greifbar.
